
Ich geh‘ wohnen
Ein Vormittag im Bazar
Das im Kaffeehaus Eintreffen ist ein kleines Zeremoniell, durch welches ich zumindest einen Gang zurückschalte und auf gepflegtes Entschleunigen eingestellt werde: Zuallererst werden die Kaffeehausbelegschaft und alle anwesenden mir persönlich Bekannten (in dieser Reihenfolge, ja!) begrüßt – mit einem Handschlag, kurzen Worten oder auch „nur“ mit einem Blick, mit einer Geste. Dann suche ich mir eine oder mehrere Zeitungen aus und wähle einen gut gelegenen, freien Tisch. Oder beziehe brav den mir vom Herrn Wolfgang zugewiesenen Platz.

Beinahe gleich nach dem Eintreffen beginnt etwas, das in der heutigen, schnelllebigen Zeit fast nirgendwo mehr existiert: selbstgewählte Ruhe in Gesellschaft. Man ignoriert mit Freude und nach Lust und Laune fremdgesteuerten Zeitdruck. Man nimmt sich und hat – ohne dass einem fad wird – lange Weile. Wenn es passt manchmal sogar bis die Stühle auf die Tische gestellt werden.
Mein Kaffeehaus ist das Café Bazar. Es heißt ja, jede Österreicherin und jeder Österreicher sollte ein Kaffeehaus haben. Einen Lieblingsort, an dem man unaufdringlich, persönlich und fast familiär umsorgt wird. Ein Wohnzimmer fern dem eigenen Zuhause, an dem man gleichzeitig Gesellschaft und Ruhe findet. Zum ersten Mal war ich mit 13 Jahren im Bazar, als Gast meines Onkel Baszi, einem damaligen Stammgast. Er hat mich der damaligen Besitzerin, der Frau Vera Tomaselli, und der Belegschaft vorgestellt, hat mir ein paar Schilling in die Hand gedrückt und mir aufgetragen, ihm einen Mokka zu bestellen und mir, was ich gerne hätte – in Maßen – selbstverständlich. Ich hab mir damals, glaube ich, eine Melange bestellt, bin mir unglaublich erwachsen und wichtig vorgekommen und war im Bazar eingeführt.
Café Bazar
Wie beinahe jeder Österreicher habe auch ich ein Kaffeehaus. Meines ist das Bazar.

Frühstück
Heute – ich bin zwar alleine hereingekommen, erwarte aber in etwa einer Stunde ein paar Freunde, die in Salzburg zu Besuch sind – werde ich vom Herrn Wolfgang an einen der Tische gleich gegenüber dem Eingang platziert. Ausreichend für sehr kleine Horden, bequem für vier und herrlich für mich alleine. Ich hole mir zwei Zeitungen, die Zeit und die Salzburg Nachrichten, lasse mich in das ganz leicht zu weiche Sofa fallen und bestelle mein übliches Frühstück: Eier im Glas, ein Buttersalzstangerl und eine Schale Joghurt mit Früchten. Dazu einen großen Schwarzen und ein Mineralwasser – prickelnd. Und damit bin ich im Bazar angekommen.

Weile ohne Eile.
Im Kaffeehaus hat man Zeit. Das alte Rein- und Raus-Spiel – herein kommen, ein Getränk runterstürzen, ungeduldig nach dem Zahlkellner rufen, zahlen und flüchten – wird hier nicht nur nicht gerne gesehen, wo möglich wird das von der Belegschaft und von anwesenden Bekannten und Freunden aktiv sabotiert. Und das zu Recht!
Schon alleine die österreichische Art Deutsch zu sprechen unterstützt das Zeit haben – wir dehnen die Selbstlaute ein wenig, dämpfen die Mitlaute und wirken so ein wenig ruhiger als, z.B., viele unserer deutschen Nachbarn. Vielleicht sogar zivilisierter, zumindest bilde ich mir das gerne so ein. Was vorher da war, das Kaffeehaus oder unsere Art Gespräche zu führen – kann sich jeder aussuchen.
Versucht man das Kaffeehaus zu schnell wieder zu verlassen, bekommt man es zu hören: „Herr Jarolim, darf es noch ein großer Brauner sein? Sie sind doch gerade erst hereingekommen. Wir haben ja noch gar nicht gesprochen…“ Der gute Herr Wolfgang ist da ein bisserl direkter: „Christian, wollen Sie wirklich schon gehen? Der Apfelstrudel ist ganz frisch, darfs ein Stückerl sein?“ Na, und da sitz ich dann schon wieder und bestelle meinen Gesprächspartner halt ins Bazar, statt hinzugehen. Und esse meinen Apfelstrudel. Mit einem weiteren großen Braunen.
Kurz vor Mittag ist es dann Zeit. Mit Bedauern und – ja – ein wenig Wehmut zahle ich, trinke meinen Kaffee aus, verabschiede mich in im Vergleich zum Ankommen umgekehrter Grußreihenfolge, bringe meine Zeitungen zurück und gehe. Mittagessen.
Nur so, am Rande
Mokka
Im guten österreichischen Kaffeehaus ist der „Mokka“ eine geliebte Kaffeespezialität. Der in ursprünglicher Art zubereitete, sehr starke Kaffee ist benannt nach der Hafenstadt Mokka im Jemen, einem der frühen Hauptumschlagplätze für Kaffee. Gemacht wird der Mokka, indem eine kleine Kanne aus Metall mit staubfein gemahlenem Kaffeepulver gefüllt, mit kaltem Wasser aufgegossen und anschließend aufgekocht wird. Das ist schon für eine einzelne Tasse Mokka recht aufwändig und wenn das Kaffeehaus gut besetzt wird die Wartezeit darauf lang. Ich glaube deshalb gibt es stattdessen im Kaffeehaus immer öfter Espresso – obwohl Espresso nur etwa halb so stark wie die gleiche Menge Mokka ist. Zuhause mache ich mir allerdings nach wie vor Mokka – in rauen Mengen.
Das Österreichische Kaffeehaus
Ein Wiener Kaffeehaus – und seine über das Gebiet der alten Donaumonarchie verstreuten Verwandten – ist mehr als ein Lokal: Marmortischchen, Thonetstühle, Zeitungstisch, Kellner mit Haltung. Vor allem aber ist es ein Ort, „in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht“. Seit 2011 gilt die Wiener Kaffeehauskultur offiziell als immaterielles Kulturerbe im österreichischen UNESCO-Verzeichnis.
Das Café Bazar
Das Bazargebäude an der Schwarzstraße wurde 1881/82 errichtet; seit 1883 gibt es hier ein Kaffeehaus. 1909 übernahm Richard Tomaselli – ja, aus jener Salzburger Kaffeehausdynastie – und machte das Bazar zum Treffpunkt von Künstlern und Festspielgästen. In den Gästebüchern finden sich Namen wie Stefan Zweig, Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal, Marlene Dietrich und Thomas Mann. Heute führt die Familie Brandstätter das Haus, und wer einmal unter den funkelnden Leuchtern saß oder auf der Terrasse die Altstadt betrachtet hat, versteht, warum die Adresse bis heute magnetisch wirkt.
Café Bazar
Schwarzstraße 3, A-5020 Salzburg
+43 (0)662 874278
cafe-bazar.at
Unscharf!
Natürlich wird heutzutage alles fotografiert. Jeder hat sein Smartphone dabei und sobald etwas gefällt, man sein soziales Umfeld teilhaben lassen will, der Freundin – sie sitzt in der Arbeit, selber sitzt man im Kaffeehaus – die lange Nase zeigen will, braucht es zumindest ein Foto. Aber man ist hier ja nicht ganz alleine, andere sind auch da. Die meisten Gäste kommen ins Kaffeehaus, um in Gesellschaft Ruhe zu haben, oder sich in Ruhe zu unterhalten. Ständig im Fokus zu sein passt da ganz einfach nicht. Also: Fotografiert. Aber nach Möglichkeit keine Personen. Und wenn sich das nicht verhindern lässt, dann pflegt die möglichst geringe Tiefenschärfe: legt euren Fokus auf die Architektur oder die servierten Köstlichkeiten und gönnt den Menschen im Hintergrund Ruhe durch Unschärfe.
Meistens heiß, immer herrlich
Österreichische Kaffeespezialitäten, die ich gerne mag: